Montag, 25. März 2013

Die unterste Klingel





 Kurz bevor ich klingel, sehe ich dein Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite.  
Wenige Minuten zuvor, als ich mich entschieden habe sie zu besuchen, erinnerte ich mich daran, dass heute Montag ist, der Tag an dem ihr sie besucht. Es hielt mich nicht ab. Da war sogar so was wie eine positive Erwartung, ein "Vielleicht dieses Mal, vielleicht wird es dieses Mal gut."  
Du weißt, die unterste Klingel wurde noch nicht neu beschriftet. Dieses Weiß schmerzt. Wie die kalten Steintreppen, auf denen wir, trotz eures häufigen Ärgers, zu jeder Jahreszeit barfuß liefen. Ich schaue reflexartig nach rechts, um zu sehen, ob die Scheibe der Türe erneut zugehangen wurde oder man immer noch in die Diele sehen kann. Von der Küche her fällt Licht hinein. Werde ich irgendwann vergessen wie es ist von dort ins Wohnzimmer zu gehen? Mit jeder Stelle sind Erinnerungen verbunden, alles ist so vertraut. Und so fremd. Kalt, als wenn es ein anderes Leben gewesen wäre, in dem ich in diesem Treppenhaus stolz meine Schultüte hielt, Freunde empfing, dich und Mama mit Blumen überraschte, nach Post von Brieffreundinnen sah, Schutz und Ruhe auf den immer kühlen Stufen suchte.
Du empfängst mich, anders als früher, an ihrer Türe, nicht an unserer. Während ich die Treppen hinaufsteige, male ich mir eure Reaktionen aus. In deinem "Na, wer ist denn da?!" ist er wieder, dieser unterschwellige Vorwurf. Keine Umarmung, nur ein Lächeln, von dem ich nicht weiß, ob es aufrichtig ist.  
Im Wohnzimmer sitzen sie, die neue Frau an deiner Seite und deine Mutter. Auch hier Verwunderung über mein Dasein.  
Hier hat sich nicht viel verändert. Würde es zwischen uns doch auch so aussehen. 
Hättest du dein Versprechen, vorbei zu kommen, eingehalten, oder angerufen um ein paar Worte auszutauschen, um zu fragen, wie es dem Großen geht, oder mir.  
Nun sind da Floskeln und gespieltes, oberflächliches Interesse. Die Themen unserer Leben unterscheiden sich voneinander wie Schwarz und Weiß. Wobei ich manchmal nicht weiß, wessen Leben für das Weiß und wessen für das Schwarz steht.  
Allein mit deiner Mutter erfahre ich, dass ihr deinen Geburtstag gefeiert habt. Am Telefon hatte ich dich danach gefragt.  
Alles Schwierige verbannst du aus deinem Leben. Das macht es dir in vieler Hinsicht bequemer.  
Auch von meinem Bruder, und seinen immer neuen Fehlentscheidungen zu hören, lässt mich wieder einmal erkennen, dass es dieses Mal eben doch nicht gut wird. Vielleicht wird es das nie.

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